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Du bist mir zu stark gewesen

Predigt über Jeremia 20, 7-11
Pfr. Michael Rau am 24.03.2019 in Herbrechtingen

 

Ist Gott ein lieber Gott?

Wir haben gerade gehört, wie Jeremia mit Gott geredet hat. Jeremia war ein Prophet, und das heißt: er hat Gott sehr gut gekannt. Jeremia hat nicht nur die alten Geschichten von Gott gehört oder über Gott in der Bibel gelesen. Sondern Gott hat direkt und deutlich mit Jeremia geredet. So deutlich jedenfalls, dass Jeremia ihn nicht ignorieren konnte.

Und genau der Jeremia, der Gott so gut gekannt hat, hat zu Gott nicht: „lieber Gott“ oder „guter Vater“ gesagt. Sondern: „Herr, du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen.“ (Jeremia 20,7- 11)

 

Als ob Gott mit ihm gekämpft hätte. Und das war nicht einmal ein fairer Kampf, sondern Gott, der Stärkere, hat den schwächeren Jeremia einfach auf den Boden geworfen. Jeremia hatte keine Chance. Gott hat ihn bedrängt, verfolgt, gepackt. „Lieber Gott“? Für Jeremia passt das überhaupt nicht. Er will Gott loswerden. „Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen.
Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich’s nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.“

 

Diese Sätze kann ich so nicht sagen. Gott, der mich packt? Den ich abschütteln möchte? So habe ich es noch nie erlebt. Mein Lebensgefühl und Glaubensgefühl ist eher andersherum: Gott in der Defensive. Die meisten Menschen leben ohne ihn. Und sie leben ganz gut. Viele kehren ihm den Rücken. Muss Gott nicht froh sein, wenn sich überhaupt noch jemand für ihn interessiert?

 

Aber Jeremias Sätze kann ich auch nicht einfach überhören. Ich merke, wie er kämpft. Das ist keine Einbildung. Jeremia ringt mit seinem Gegner, spürt seine Macht – spürt Gott. Jeremia, das merke ich aus diesen Sätzen, hat mit Gott gekämpft, mit dem wirklichen, realen Gott.

 

Und da drängt sich mir die Frage auf, ob das was in unseren Gemeinde oft als Gott vorkommt – in Andachten, die man halt über sich ergehen lässt, bevor dann der Kaffee ausgeschenkt wird; in Predigten, die an der eigenen Lebenserfahrung abperlen – ob das, worüber in unseren Gemeinden oft geredet wird, wirklich Gott ist oder nur ein nettes Bildchen. Das Bildchen vom lieben Gott.

 

„Lieb“ beim lieben Gott bedeutet ja eigentlich „harmlos“. Der liebe Gott tut niemandem weh. Aber er hat halt auch keine Kraft, wenn es wirklich drauf ankommt.

Kann es sein, dass dieser lieb- harmlose Gott zugeschnitten ist auf die Bedürfnisse unserer Gemeinden? Unsere Gemeinde soll ja einladend sein. Wir sind froh über jeden, der kommt. Auf keinen Fall wollen wir jemanden vor den Kopf stoßen. Zu unseren Gemeinden passt das Bildchen vom lieben Gott. Aber nicht zum wirklichen, realen Gott.

 

Denn der Gott, mit dem Jeremia gekämpft hat, ist beim besten Willen kein lieber, harmloser Gott. Als Gott zum ersten mal mit Jeremia geredet hat und ihm gesagt hat: „du sollst Prophet werden“, da hat Jeremia sich gewehrt: „Ach Herr“, hat er gesagt, „ich kann nicht predigen, ich bin zu jung!“ Aber Gott hat nicht mit sich reden lassen. Er hat Jeremia geantwortet: „Sage nicht, ich bin zu jung, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.“ Keine Widerrede, kein Entkommen. Doch dann hat Gott noch hinzugefügt: „Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir und will dich erretten.“

 

Vielleicht hat sich Jeremia gedacht: Also gut, wenn Gott mich retten will, dann kann mir ja nichts passieren.

Doch dann ist ihm doch etwas passiert. Und nicht nur etwas, sondern viel. Weil er gepredigt hat, was Gott ihm gesagt hat, ist er geschlagen worden, angespuckt. Seine Freunde haben ihn verlassen. Er wurde ausgepeitscht und ins Gefängnis geworfen.

Wenn wir hören, dass heute ein Mensch so behandelt wird, fragen wir vorwurfsvoll: Wie kann Gott das zulassen? Warum hilft er nicht? Warum ist er nicht da?

Doch Jeremia hat gewusst, dass Gott da ist. Auch als es ihm ganz dreckig gegangen ist. Er hat ja Gottes Stimme gehört. Während er in der Nacht im kalten Gefängnis gezittert hat, hat ihm Gott gesagt, was er am nächsten Morgen dem Wärter ausrichten soll. Jeremia hat gemerkt, dass Gott ganz nahe ist. Aber Gott hat ihm nicht geholfen. Und so hat Jeremia gedacht: „Das beste wäre, wenn es keinen Gott gäbe, dann hätte ich meine Ruhe.“

 

Hat er vielleicht recht damit? Wenn Gott kein lieber Gott ist, wenn Gott es zulässt, dass man Jeremia so gequält hat – und das bedeutet ja auch, dass Gott es zulässt, dass andere Menschen gequält werden, leiden müssen – ja vielleicht sogar, dass mir selber etwas ganz schlimmes passiert, ist es dann nicht gleichgültig, ob ich an Gott glaube oder nicht? Weil Gott eh nicht hilft?

 

Nein. Als Jeremia wieder ruhiger geworden ist, als sein Zorn auf Gott verraucht ist, hat er wieder etwas gespürt. „Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held“, hat er gesagt. Das hat er gesagt, obwohl er immer noch im Gefängnis war und nicht gewusst hat, ob er überlebt. „Der Herr ist bei mir wie ein starker Held.“

 

Was hat sich verändert? Von außen gesehen ist alles geblieben, wie es war. Von innen her ist bei Jeremia etwas anders geworden. Der mächtige Gott, der mich gepackt hat, schützt mich auch. Der Gott, der mich packt, ist mein starker Held. 

Im Neuen Testament gibt es die Geschichte vom Sturm auf dem See. Wo Jesus schläft, mitten in Sturm und Wellen. Die Jünger versuchen, das Boot zu retten vor dem menschenverschlingenden Sturm und Meer. In Todesangst, bis einem einfälltist: Jesus ist ja auch noch da.

 

Jesus stehtaufgestanden, sagt zu dem Sturm: Sei still. Und der Sturm ist still.

Wie mit einem alten Bekannten redet Jesus mit dem Sturm. Für ihn ist der Sturm kein Monster, kein Feind, sondern ein alter Freund. In einem Psalm (107, 25-26) wird von Gott gesagt: „Der Herr sprach und erregte einen Sturmwind, der die Wellen erhob, dass sie in den Himmel fuhren und in den Abgrund versanken“. Nur der, der selbst den Sturmwind erregt, kann machen, dass der Sturm sich legt.  Nur der, der selbst die Not ist, kann aus der Not retten.

 

Wir sind es gewöhnt, anders zu denken: Gut gegen Böse. Märchen, Bücher, Filme sind so konstruiert. Das Gute gewinnt –  im Film. In der Wirklichkeit sieht es anders aus: das Gute ist in der Defensive. Und oft genug unterliegt es.  

Doch wenn dieses schwache Gute nur menschliche Phantasie ist? Wenn Gott weder gut noch böse ist, sondern – mächtig? Und wenn Gottes Macht ganz anders ist?

Lange habe ich mir den allmächtigen Gott wie einen übergroßen Menschen vorgestellt. Gott tut natürlich nicht das, was ich täte, wenn ich allmächtig wäre. Deshalb habe ich von Gott nicht viel erwartet.

 

Wenn aber Gottes Macht ganz anders ist? Wenn es die Macht des Löwenzahns ist, der den Asphalt durchbohrt? Wenn seine Macht warten kann, Zeit hat, aber dann nicht aufzuhalten ist? Wie das Jakobskreuzkraut, das sich unaufhaltsam ausbreitet. Oder das Indische Springkraut. Unkräuter in unseren Augen. Wenn wir von uns selber absehen jedoch eine unbezwingbare Macht.   

 

Jeremia hat sich durchkämpfen müssen, bis er dort angekommen ist. Doch als er angekommen ist, war er fest von innen her. „Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. Sie müssen ganz zuschanden werden, weil es ihnen nicht gelingt.“

Der harmlos- liebe Gott ist nur ein Bildchen. Schön anzusehen, angenehm. Dieses Bildchen vergrault niemand. Doch es bietet auch keinen Halt. Aus der Bibel ahnen wir einen anderen Gott.

 

Manchmal erschrecke ich. Doch dann höre ich Jeremia:  „Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held“. Und merke, wie die Macht des zuerst so fremden Gottes ihn von innen her gestärkt hat.

Ich höre von Jesus. Der Angst hatte im Garten Gethsemane. Der geschrien hat am Kreuz. Und der dann gesagt hat: „In deine Hände befehle ich meinen Geist“ (Lukas 23, 46).

Und in den Fußtapfen von Jeremia und Jesus bete ich mit Psalm 73: „Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich!“

 

Wie Gott redet

 

Predigt über Apostelgeschichte 16, 9-15
am 24.02.2019 in Herbrechtingen
Pfarrer Michael Rau

 

Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen. (Apostelgeschichte 16, 9-10)

 

Wenn ich das so höre, tut sich mir zuerst einmal ein tiefer Graben auf: zwischen meiner Welt, meinem Leben hier und der Welt der Bibel. Paulus hat bei Nacht eine Erscheinung. Es ist ihm sofort klar: Dadurch will mir Gott etwas sagen. Und am nächsten Morgen bucht er die Schiffspassage nach Europa. Gott redet und Paulus versteht ihn.

Das ist ein bisschen wie in den Märchen, wo es heißt: „Es war einmal in der Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat …“. Und jedem ist klar: diese Zeit hat es nie gegeben.

Vielleicht aber ist der Graben gar nicht so tief. Es könnte sein, , dass der große Unterschied zwischen Bibel und unserer Welt hauptsächlich in unserem Kopf besteht – bei dem, was wir für möglich halten und was nicht.

 

Diese Erscheinung, die Paulus in der Nacht gehabt hat, das warja wohl ein Traum. Und Träume haben wir heute auch. Könnte es sein, dass Gott auch zu uns durch Träume redet, genauso wie zu Paulus?

 

Wenn Ihnen dieser Gedanke fremd ist, sind Sie damit nicht allein. Gerade in der evangelischen Kirche sagt man ja: Die Bibel ist „Gottes Wort“. Also: wenn man wissen will, was Gott sagt, dann muss man in der Bibel lesen. Bloß, wenn wir uns das mal genau überlegen: In der Bibel steht ja höchstens, was Gott gesagt hat – früher! Heißt das dann, dass Gott irgendwann verstummt ist, sozusagen als die Bibel fertig geschrieben war und man sie zugeklappt hat?

 

Aber warum hätte Gott irgendwann verstummen sollen? Das ist doch ein absurder Gedanke. Wie wäre das, wenn Gott heute noch genauso reden würde wie in der Zeit von Paulus? Wir können das je einfach mal überlegen – probeweise.

Wie ist das mit unseren Träumen? Anscheinend träumt jeder Mensch. Aber oft entgleiten uns die Träume ganz schnell wieder. Sie lassen sich nur schwer festhalten. Deshalb gibt es auch den Spruch: „Träume sind Schäume“ – wie Schaum sich spurlos auflöst, so auch die Träume.

 

Doch es gibt auch andere Träume. Es gibt Träume, die uns nach dem Aufwachen seltsamerweise noch glasklar in Erinnerung sind. Die uns noch lange beschäftigen. Manchmal beunruhigen. Große Träume.

Woher kommt so ein Traum? Aus dem Unbewussten, sagen die Psychologen. Aber was ist das Unbewusste? Die Psychologen haben verschiedene Theorien, aber jede endet im Nebel. 

 

Die Bibel weiß, dass im Nebel Gott wartet. Im Buch Hiob gibt es einen interessanten Abschnitt. Das Hiobbuch besteht ja aus lauter Gesprächen zwischen dem kranken Hiob und seinen Freunden, eigentlich immer ein Streit. Doch bei einem der Freunde, Elihu, hört Hiob nur still zu. Dieser Elihu sagt: „Auf eine Weise redet Gott und auf eine zweite; nur beachtet man’s nicht. Im Traum, im Nachtgesicht, wenn der Schlaf auf die Menschen fällt, / wenn sie schlafen auf dem Bett, da öffnet er das Ohr der Menschen und schreckt sie auf und warnt sie, / damit er den Menschen von seinem Vorhaben abwende / und bewahre seine Seele vor dem Verderben / und sein Leben vor des Todes Geschoss.“ (Hiob 33,15- 18)

 

Elihu legt den Finger auf das Problem: man beachtets nicht. Anscheinend haben die Menschen in biblischer Zeit auch schon Träume als Schäume abgetan. Dabei können anscheinend wenigstens manche Träume Gottes Wort sein.

Aber nicht nur Träume können Gottes Wort sein. Elihu weiß noch ein zweite Weise, wie Gott zu uns redet: „Auch warnt er den Menschen durch Schmerzen auf seinem Bett und durch heftigen Kampf in seinen Gliedern / und richtet ihm sein Leben so zu, dass ihm vor der Speise ekelt, und seine Seele, dass sie nicht Lust hat zu essen. / Sein Fleisch schwindet dahin, dass man’s nicht ansehen kann, und seine Knochen stehen heraus, dass man lieber wegsieht“ (Hiob 33, 19-21).

 

Durch Krankheit, durch Schmerzen redet Gott, sagt Elihu. Da sträubt sich wahrscheinlich alles in uns: Es kann doch wohl nicht sein, dass Gott uns krank macht!

Nein, Gott will uns bestimmt nicht quälen. Aber wenn er redet, und wir hören nicht? Zuerst, sagt Elihu, versucht es Gott durch Träume. Nur, dieses leise Reden Gottes können wir ignorieren. Einen Traum kann man leicht wegwischen. Krankheit und Schmerzen können wir dann nicht mehr ausblenden.

 

Das Ziel bei allem Reden Gottes ist aber, dass wir leben. Elihu sagt: „Da öffnet er das Ohr der Menschen und schreckt sie auf und warnt sie, damit er den Menschen von seinem Vorhaben abwende / und bewahre seine Seele vor dem Verderben und sein Leben vor des Todes Geschoss.“

Es ist, wie wenn wir blind auf einen Abgrund zutappen. Wenn alles Rufen nichts nützt, weil unsere Ohren verstopft sind, wirft Gott uns um, damit wir anhalten. Besser hinfallen als abstürzen.  Gott will, dass wir leben!

 

Das ist das Evangelium, die wunderbare Nachricht: Wir sind Gott nicht egal. Wir liegen ihm am Herzen, so sehr, dass er nicht locker lässt, dass er alles dransetzt, uns aufzuhalten, dass wir nicht zugrunde gehen. Gott will, dass wir leben!

Ja, aber wenn wir Gott so wichtig sind, angeblich, warum redet er – bitteschön – dann nicht deutlicher? Wer kann schon mit Träumen etwas anfangen? Im Traum erleben wir Dinge, die gar nicht sein können, die nur verwirren. Und wenn Gott uns Schmerzen und Krankheiten schickt: das ist doch alles kein Klartext!

 

Aber Worte sind auch kein Klartext. Wir wissen alle, wie leicht es zu Missverständnissen zwischen zwei Menschen kommen kann, obwohl beide Deutsch reden, obwohl sich beide gut kennen. Auch Worte sind nichts eindeutiges. Was ich verstehe, kann etwas ganz anderes sein, als was mein Gegenüber sagen will.

 

Für das „Gespräch“ mit Gott gilt das genauso. Wir können nur versuchen sehr offen zu sein. Und nicht zu meinen, wir wüssten, wie Gott ist und was er tun darf und was nicht. Ganz schlecht ist es, wenn wir überzeugt sind: Gott ist gut. Denn unter „gut“ verstehen wir ja in der Regel das, was wir für gut halten, das was uns gefällt.    

Aber Gott sagt nicht nur Ja zu unseren Wünschen und Bitten, sondern auch einmal Nein. Und dann kann es sein, dass ein gläubiger Mensch verzweifelt, weil er meint, dass Gott nichts von sich hören lässt. Dabei redet Gott eigentlich sehr deutlich, nur bringt dieser verzweifelte Mensch das, was ihm widerfährt, nicht mit Gott in Verbindung.

Ich habe schon so oft gehört: Wo ist Gott in dieser Welt? Wie kann Gott das zulassen? Elihu, der Freund Hiobs, hat mir die Augen geöffnet für eine erweiterte Sicht der Dinge: auch in dem Schlimmen, was mir passiert, kann Gott mich ansprechen – vielleicht sogar durch das Schlimme.

 

Doch tatsächlich: das Reden Gottes kommt wie aus einem Nebel. Es braucht Zeit, bis aus einem Unglück, das mir vielleicht passiert ist, die Stimme Gottes Gestalt gewinnt. Das ist, wie wenn sich im Nebel eine Kontur abzuzeichnen beginnt, die langsam deutlicher wird. Das braucht Zeit, es braucht Übung, es wahrzunehmen. Aber es geht.

Paulus war anscheinend schon geübt. Er hat schon den Traum verstanden. „Ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!“ Ich vermute allerdings, dass dieser Traum für Paulus zuerst auch nicht so klar war. 

Wahrscheinlich hat Paulus, wie wir auch, über seinen Traum nachdenken müssen, hat den Bildern nachgespürt und den Gefühlen, die er im Traum gehabt hat. Bis sich für ihn langsam zusammengefügt hat, was Gott von ihm will.

 

Ob er allerdings wirklich sicher war? Er hat die Fahrkarte fürs Schiff gekauft. Doch ich kann mir vorstellen, dass Paulus wieder ins Zweifeln gekommen ist, als das Schiff angelegt hat. Denn als er in Europa an Land gegangen ist, hat da niemand auf ihn gewartet. Nein, kein Mensch hat Paulus beachtet.

Paulus und Silas sind dann zu Fuß in die nächste Stadt gegangen, nach Philippi. Aber auch dort hat niemand auf sie gewartet. Einige Tage lang waren sie in der Stadt, aber niemand hat sich für sie interessiert – ganz anders als im Traum. Ich kann mir vorstellen, dass den beiden da ziemliche Zweifel gekommen sind, ob der Traum nicht doch bloß ein Hirngespinst war.

 

Am Sabbat sind sie dann an den Fluss vor die Stadt hinausgegangen. Sie haben gehört, dass sich dort Leute zum Beten treffen, also offenbar Juden. Aber das war keine richtige jüdische Gemeinde, zu der mindestens 10 Männer gehören. Das waren nur Frauen. Paulus und Silas haben sich zu ihnen gesetzt und sich unterhalten. Und eine der Frauen hat ihnen zugehört: Lydia, eine Purpurhändlerin aus Kleinasien. Sie hat sich sogar taufen lassen.

 

Doch als Lydia Paulus und Silas in ihr Haus eingeladen hat, hat sich Paulus gesträubt. Lydia war nicht das, was er erwartet hat. Erstens war sie eine Frau, und dann nicht einmal gebürtige Makedonierin.

Vielleicht er immer noch gezweifelt, ob dieser Traum wirklich Gottes Wort war. Ob er ihn richtig gedeutet hat. Doch schließlich haben sie Lydias Drängen nachgegeben und sind bei ihr zu Gast geblieben. Mehrere Wochen lang. Und in diesen Wochen ist Lydias Haus zur Keimzelle der ersten christlichen Gemeinde in Europa geworden.

 

Der Traum war also tatsächlich Gottes Wort. Aber erst im Rückblick ist es klar geworden.

Und das ist immer so: ob wirklich Gott gesprochen hat, merken wir erst im Nachhinein. Wenn schon kein menschliches Wort Klartext ist, dann erst recht nicht Gottes Weise, durch Träume oder durch unseren Körper mit uns zu reden.

 

Ich bin überzeugt, dass Paulus es nicht leichter hatte als wir. Trotzdem hat er es riskiert, sich von diesem Wort führen zu lassen. Es hat sich für ihn gelohnt. Und für uns wird es sich genauso lohnen. Denn Gott führt uns auf einem Weg, auf dem wir das Leben finden.

 

 

Das Meer kuscht wie ein Hund
Predigt über Markus 4, 35- 41 von Pfarrer Michael Rau
am 10.02.2019

 

Die Geschichten der Bibel sind seltsam. Wie ein Teich. Ich sehe die Oberfläche und denke: „Klar, Wasser!“ Dann komme ich näher und sehe, dass sich im Wasser etwas spiegelt: Bäume, Wolken – oh, ich selbst. Das ist nicht nur Wasser!

Ich schaue noch genauer hin und sehe, wie sich unter der Oberfläche etwas bewegt: Pflanzen, ein Fisch. Dann staune ich und erschrecke: Es geht ja immer tiefer hinunter. Was da ist, sehe ich nicht. Ich ahne nur: da können Geheimnisse verborgen sein.

So ist es mit den Geschichten der Bibel. Beim ersten Hören denken ich oft: Ach ja, alles klar! Doch wenn ich genauer hinschauen, merke ich, dass sich in der Geschichte etwas spiegelt, meine Welt, ich selber. Und wenn ich dran bleibe merke ich, dass so eine Geschichte eine ungeheure Tiefe hat, und mich mitnehmen kann in Bereiche, von denen ich bisher nichts geahnt habe.

 

Schauen wir einmal, wohin uns die Geschichte von der Sturmstillung mitnimmt.

Und am Abend desselben Tages sprach Jesus  zu ihnen: Laßt uns hinüberfahren.“ (Markus 4, 35- 41)

Da ist schon etwas vorausgegangen. Den ganzen Tag über hat Jesus mit seinen Jüngern und vielen Leuten am Ufer vom See Genezareth gesessen und erzählt. Geschichten: Wie ein Bauer sät und manches auf den Weg und anderes unter die Dornen fällt; was aus einem Senfkorn wird, wenn man es in die Erde steckt und gießt: so eine große Staude. „So ist das Reich Gottes“, hat Jesus gesagt. Vielleicht haben die Jünger ab und zu gegähnt. Für sie war das nicht neu. Sie hatten das jeden Tag.  

 

Gegen Abend dann hat Jesus die Leute weggeschickt. Und hat zu seinen Jüngern gesagt: „Los, wir fahren über den See, auf die andere Seite.“ Da sind sie aufgesprungen. Jetzt war etwas zu tun. Das war ihr Ding. Denn einige waren ja Fischer. Die sind zu ihren Booten gerannt und haben alles klar gemacht für die Überfahrt.

Markus erzählt: Die Jünger nahmen ihn mit. Die Jünger sind die Aktiven, nehmen Jesus mit. Sonst ist Jesus vorausgegangen, die Jünger sind ihm gefolgt. Jetzt ist es umgekehrt. Jesus kam aus Nazaret, droben in den galiläischen Bergen. Ein Gebirgler. Er hat nichts von Booten verstanden. Umso mehr die Leute vom See, die mit dem Wasser und den Booten groß geworden sind.

 

Ich sehe sie vor mir, wie sie im Boot hin und her springen, Kommandos rufen, das Segel einhängen, die Taue durch Ösen schleifen, ziehen, festbinden, das Boot ins Wasser schieben. Jesus kann nichts helfen, er ist eigentlich nur im Weg.

Das hat Jesus wohl nichts ausgemacht. Weil die Jünger ihn nicht gebraucht haben, hat er sich hinten im Boot auf eine Decke gelegt und ist eingeschlafen.

Das ist die Oberfläche der Geschichte. Doch jetzt schauen wir genauer hin. Da spiegelt sich etwas in der Geschichte. Sind das wir selbst?  Wir altgedienten Kirchgänger, seit Jahren treu in unseren Gruppen und Kreisen. Wir wissen so viel. Wenn es um die Bibel geht, gähnen wir eher.

 

Doch wo wir etwas schaffen können, da machen wir etwas los. Und wenn wir etwas losmachen, nehmen wir auch Jesus gern mit. Er soll ruhig sehen, was wir können. Aber ihn brauchen? Nein, wirklich brauchen tun wir ihn nicht. Ob er dabei ist oder nicht, macht keinen großen Unterschied. Und es läuft ja auch gut, bei uns. Wie bei den Jüngern im Boot. Gelernt ist gelernt.

 

Bis ein Sturm losbricht. Am See Genezaret kommen die Stürme schnell und heftig und gefährlich. Ein Boot, mitten im See, hat keine Chance, rechtzeitig in den Hafen zu kommen. Den Jüngern im Boot hat ihr ganzes Können nichts mehr genützt. Vor den Naturgewalten schrumpfen Menschen zu Zwergen.

Aus der Geschäftigkeit der Seeleute wird Panik. Hektisches Segel- bergen. Rudern, um das Boot auf Kurs zu halten. Dann zerbricht das Ruder. Wellen schlagen herein. „Schöpft, schöpft!“ Wir können uns das vorstellen.

 

Nur, was wir uns nicht vorstellen können ist, dass Jesus im Chaos immer noch schläft. Er muss nass sein bis auf die Haut. Doch da merken wir: es ist nicht mehr die Oberfläche der Geschichte. Sie hat uns schon tiefer hineingezogen. Jesus schläft wie ein Toter.

Dafür haben die Jünger noch keine Augen. Sie haben alles gegeben. Sie können nicht mehr. Erst jetzt fällt ihnen Jesus wieder ein: „Meister, ist dir egal, dass wir umkommen?“

 

Und Jesus wacht auf. Doch das ist mehr, als dass Jesus sich verschlafen die Augen reibt und sich umschaut. Jesus steht auf. Er steht da, mitten im Toben der Urgewalten. Er ist aufgestanden – er ist auferstanden.

Das kommt aus der Tiefe – aus der Tiefe des Geschehens. Alles, was geschieht, ganz normal, in unserem Leben, alles hat diese Tiefe. Nur bleiben wir so oft an der Oberfläche hängen.

 

Für die Jünger ist die Oberfläche aufgerissen durch die Lebensgefahr. Sie schauen in den Abgrund, dem Tod ins Auge. Doch was sie sehen, ist nicht nur der Tod. Auch um Jesus ist die Oberfläche zerrissen. Er ist nicht mehr der Gebirgler, der keine Ahnung vom Bootsfahren hat. Sondern –  steht, aufrecht, im Toben der Urgewalten. Er gebietet: „Kusch!“ Und wie ein Hund vor seinem Herrn legt sich der Sturm und die Wellen.

Die Jünger weichen zurück, erschrocken bis ins Mark: „Wer ist der?“ Doch auf einmal ist es wieder normal. Die Oberfläche hat sich geschlossen. „Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“ Das ist wieder der alte Jesus, mit seinen schwer verständlichen Sätzen.

 

Doch die Jünger sind nicht mehr die alten. „Sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!“ Hinter der Oberfläche haben einen anderen Jesus gesehen. Kurz. Einen Augenblick lang. Einen Jesus, der schläft wie ein Toter. Und dann aufsteht – aufersteht –  und vor dem die Urgewalten dieser Welt kuschen wie ein Hund vor seinem Herrn.

Und wie reagieren die Jünger? Sie fürchten sich. Sie fürchten sich nicht nur vor Sturm und Wellen, sondern auch vor Jesus. Ja, so ehrlich ist die Bibel. Und so deutlich spiegeln wir uns darin. Lieber wählen wir die bekannten Schrecken und Gefahren, als dass wir es wagen, uns auf diesen ganz anderen, so fremden Jesus zu verlassen, vor dem die Urgewalten kuschen.

 

Ginge es auch anders? In der Tiefe der Geschichte sehen wir, wie es anders geht. Wir sehen: Jesus fürchtet den Tod nicht, weil für ihn der Tod nur wie Schlafen ist. Für Jesus sind diese chaotischen Gewalten keine Feinde. Er kämpft nicht gegen sie und er besiegt sie nicht. Sondern er befiehlt ihnen, wie man einem Hund befiehlt. Seinem Hund. Der Sturm und das Meer kennen ihn.

 

Deshalb legt er sich zwischen Sturm und Wellen schlafen – so wie man sich auch neben seinem Hund schlafen legt. Man weiß ja: er gehorcht. Man weiß, er kennt seinen Herrn.

Auch wir brauchen den Tod nicht zu fürchten: „Ich glaube an die Auferstehung der Toten“ sprechen wir im Glaubensbekenntnis. Ich glaube an meine Auferstehung. Wo ich den Tod nicht fürchte, kann ich inmitten der Gewalten dieser Welt leben und, wenn es so weit ist, sterben. Das geht nicht nur bei Jesus und ein paar großen Heiligen. Das geht bei jedem Christen.

 

Jesus, das merken wir, wenn wir ihn dort in der Geschichte reden hören, Jesus traut es jedem von uns zu. Und wenn wir selbst uns jetzt noch nicht trauen – die Jünger haben sich ja auch nicht getraut –  im Lauf unserer Jahre kann etwas wachsen. Es ist nur wichtig, dass wir das Bild, das wir kurz gesehen haben, als die Oberfläche in der Todesangst zerrissen ist, dass wir dieses Bild mit uns tragen: Wie Jesus aufrecht steht, und Sturm und Wellen gebietet. Und sie kuschen wie ein Hund vor seinem Herrn.

 

Wurzel im Heiligen

 

Predigt über 2.Mose 3, 1- 6 Brennender Dornbusch 

am 27.01.2019 Pfarrer Michael Rau

Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb.
Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde.
Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.
Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.
Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!
Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.


Mose - ein Mann wie ein Fels. „Gott redete mit ihm wie ein Mann mit seinem Freund“, können wir lesen. Später. Jahrzehnte später, als Mose alt war.
Was wir gerade gehört haben, ist der Anfang. Der Anfang dieser einmaligen Beziehung zu Gott.


Dabei hat Mose Gott nicht gesucht.
Mose war entwurzelt. Seine Eltern waren Hebräer. Aber er ist aufgewachsen im Palast des Pharao. Mit der ägyptischen Sprache, in die ägyptische Religion hinein. Fast als Prinz. Mose hat gewusst, dass er Hebräer ist. Immer wieder ist er ins Lager der Hebräer gegangen. Die hat man dort als Sklaven gehalten. Und dann hat er gesehen, wie ein Aufseher einen Hebräer ausgepeitscht hat. Mose wollte dem Stammesgenossen beistehen. Er hat den ägyptischen Aufseher totgeschlagen. Vielleicht hat er gedacht, dass ihn dann die Hebräer anerkennen als einen der Ihren. Doch der Hebräer, dem Mose geholfen hat, hat ihn verraten.
Mose musste fliehen. Wochenlang hat er sich durch die Wüste gekämpft. Dann hat er bei midianitschen Wanderhirten Unterschlupf gefunden.  Fremde Leute, eine fremde Religion. Als Mose eine Zeit lang dort gelebt hat, hat der Priester der Midianiter ihm seine Tochter zur Frau gegeben. Wahrscheinlich musste Mose dafür die Religion der Midianiter annehmen.  


Was war er nun? Kein Hebräer mehr. Kein Ägypter mehr. Schafhirte eines Midianiters. Aber Midianiter war er auch nicht.  Keine Wurzel.
Und seine Zukunft? Als Fremder war er auf Gedeih und Verderb abhängig vom Wohlwollen seiner Schwiegerfamilie. Schafhirte für den Rest seines Lebens.

 

„Mose trieb die Schafe seines Schwiegervaters über die Steppe hinaus.“ Warum über die Steppe hinaus? In der Steppe finden die Schafe Gras – wenig genug. Über die Steppe hinaus wächst nichts mehr. Kein Gras, kein Wasser, nur heißer Sand und Felsen.
„Mose trieb die Schafe über die Steppe hinaus.“ Als ob ihm alles gleichgültig geworden wäre. Die Schafe, der Schwiegervater, seine Frau, sein Leben. Sinnlos.
Weiter. Weiter. Zwischen den felsigen Hängen des Sinai- Gebirges.


Das Gras bleibt zurück, das Wasser, die Vergangenheit. In der Wüste wartet nichts. Nur der Tod.
Doch das Nichts ist nicht leer.
Ein Dornbusch brennt, prasselt. Mose kennt brennende Dornen. Kurz lodern sie auf, dann fällt das Feuer zusammen.
Dieses Feuer aber brennt und brennt. Mit ungeheurer Kraft. Die Energie kommt nicht aus den Dornen. Von anderswo. Aus der Leere, aus dem Nichts – das nicht leer ist. Von jenseits kommt die Kraft dieses Feuers. Pure Energie, Macht, Allmacht.

 

Und dann die Stimme: „Mose, Mose!“
„Hier bin ich.“
„Komm nicht näher! Zieh die Schuhe aus! Der Boden, auf dem du stehst, ist heilig!“
Der wurzellose Mose findet sich plötzlich auf festem Boden. Auf heiligem Boden.
„Zieh die Schuhe aus!“ Die bloßen Füße berühren den heiligen Boden. Mose wird verbunden mit dem Heiligen.
 „Ich bin der Gott, deines Vaters. Der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs.“

 

Der Gott meines Vaters!
Mein Vater. Nicht der midianitische Schwiegervater, nicht der unnahbare Pharao – der Hebräer, der mich gezeugt hat, ist mein Vater. Ich kann mich kaum an ihn erinnern.  Doch von ihm reicht die Wurzel in die Tiefe: Zu Jakob, Isaak, Abraham. Zu meinem Gott.
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Das Feuer lodert immer noch. Energie von jenseits der Welt. In der Wüste, in der Leere, ist die Grenze zum Jenseits durchlässig.
„Komm nicht näher!“ Der Tod bewacht die Grenze. Mose verhüllt sein Gesicht. Das Feuer ist zu schrecklich. Es ist nicht von dieser Welt.
Doch Mose steht auf dem Boden, mit nackten Füßen. Der Boden ist von dieser Welt. Er ist heilig. Der der heimatlose Mose fühlt seine Wurzel. In diesem heiligen Boden. Fest, gehalten, gewurzelt in Gott.
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Das ist die Geschichte vom Anfang der einmaligen Beziehung des Menschen Mose zum allmächtigen Gott. Mose hat Gottes Heiligkeit – das Feuer – so direkt erlebt, wie nur ganz wenige Menschen. Als er über die Steppe hinausgegangen ist. Ins Nichts.
Kaum jemand geht freiwillig da hin. Mose wahrscheinlich auch nicht. Wahrscheinlich ist er nur deshalb ins Nichts gegangenen, weil er nicht gewusst hat, wo er sonst hin soll.
Und genau dort hat er seine Wurzel gefunden.


Die Wurzel ist ihm nicht erst dort gewachsen. Er war ja schon immer ein Glied in dieser Kette, die mit Abraham, Isaak, Jakob begonnen hat. Aber dort am Rand des Nichts hat er die Wurzel wahrgenommen. Hat den Boden gespürt unter seinen nackten Füßen. Den Boden, der getränkt ist vom Heiligen, das dort am Rand des Nichts aus dem Jenseits lodert. Mose hat gespürt, wie dieser Boden ihn trägt. Da hat Mose gemerkt, wie Gott nach ihm greift, ihn hält.
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Wir Menschen hier in der Kirche werden so etwas kaum erleben. Wir haben zu viel und wünschen uns zu viel. Deshalb scheuen wir zurück vor der Leere, dem Nichts, wo die Grenze zum Jenseits dünn ist.
Doch das Heilige begegnet nicht nur am Rand der Existenz.  Das Heilige gibt es auch in kleinen Münzen. Hier im Gottesdienst.
Jede Kerze, die hier brennt, erinnert an den lodernden Dornbusch. Aber klein, freundlich, so dass wir uns nicht zu fürchten brauchen.
Jede Kerze erinnert uns an den gewaltigen Gott, an den heiligen Boden, in dem wir wurzeln.


Auch im Wasser der Taufe ist das Heilige, der Heilige: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“

So kann für uns der Gottesdienst zum heiligen Ort werden – mitten in der Stadt hier, mitten im Leben. Das Heilige in kleiner Münze, so wie es für uns passt.
Uns genügen die kleinen Münzen des Heiligen. Weil Mose vor uns das ganz Große erlebt hat.

 

Füße auf dem Boden

 

Predigt am 20.01.2018
Pfarrer Michael Rau

 

Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. (Lutherübersetzung, Römer 12, 9-16)

 

Alles klar, da stehts in der Bibel, schwarz auf weiß, wie wir Christen sein sollen. Und – ich brauche es im Einzelnen gar nicht verstehen – ich weiß schon, worauf das hinausläuft: ich schaffe es nie, die Latte hängt zu hoch für mich. Ich werde vor dem Anspruch versagen.

 

So ähnlich sind mir die Gedanken durch den Kopf gesprungen, als ich den Predigttext zum ersten Mal gelesen habe. Lauter Imperative, Befehle, Appelle: Die Liebe sei ohne Falsch, hasst das Böse, seid nicht träge, seid brennend im Geist.

Schön wär’s ja. Aber ich schaffe das nicht. Und auch sonst niemand, den ich kenne.

Ist so das Christentum? Ein Ideal, das man nur verfehlen kann? Wo die Latte immer ein Stück zu hoch hängt?

 

Das kann eigentlich nicht sein, habe ich mir dann gedacht. So wie ich Jesus kenne, will der uns doch nicht so unter Druck setzen.

 

Ich habe dann meine griechische Bibel aus dem Regal geholt, das Original, und habe mich ans Übersetzen gemacht. Und ich habe schnell gemerkt: da steht etwas anderes. Da gibt es gar keine Imperative, keine Appelle.

Wo in der Lutherübersetzung steht: „Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an“, klingt das Original: „Die Liebe ohne Heuchelei. Das Böse verabscheuen. Ans Gute sich heften. In der Bruderliebe freundlich.“

Kein Zeigefinger also, sondern eher eine Beschreibung. Das macht einen Unterschied.

 

Dann habe ich am Anfang des Kapitels zu lesen begonnen und habe gesehen, was diesen ganzen Abschnitt zusammenhält: Der Apostel Paulus schreibt darüber, wie wir als Christen „gesinnt sein“ sollen.

„Gesinnt sein“, das ist die Mischung aus Denken und Wollen. Also, in welche Richtung wir denken und was wir dabei anstreben, erreichen wollen. Und vor allem steht da eine Wendung, die so bei Luther gar nicht vorkommt: Nicht mehr als nötig ist!

Ich bin nicht drum herum gekommen, den ganzen Abschnitt neu zu übersetzen. Das lese ich Ihnen jetzt vor, ziemlich nahe am Griechischen.

 

Der Apostel Paulus schreibt:

3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist: niemand muss über das hinaus denken und wollen, was nötig ist, sondern darf Maß halten, jeder nach dem Maß an Glauben, das Gott ihm zugemessen hat. …

9 Die Liebe ohne Heuchelei. Das Böse verabscheuen. Ans Gute sich heften. 10 In der Bruderliebe freundlich. In Respekt einander den Vorrang lassen.

11 In der Bereitwilligkeit nicht träge. Im Geist glühend. Knecht sein dem Herrn.

12 In der Hoffnung fröhlich. In Bedrängnis geduldig. Im Gebet anhaltend. 13 An den Nöten der Heiligen teilhabend. Der Gastfreundschaft nachjagend.

14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und verflucht nicht.

15 Freuen mit den Fröhlichen, weinen mit den Weinenden.

16 Denkt und wollt dasselbe für einander: habt nicht die hohen Dinge im Sinn, sondern lasst euch von den niedrigen einnehmen.

 

So ist es etwas ganz anderes. Keine Überforderung. Sondern Paulus entlastet.

Das beginnt schon bei den ersten Worten. „Ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist“, schreibt Paulus. Eine der Übersetzungen schreibt tatsächlich: „Ich sage euch durch die Vollmacht, die mir gegeben ist ...“ Und die anderen Übersetzungen meinen es wahrscheinlich so. Aber da steht nicht Vollmacht, sondern Gnade.

Gnade, Geschenk – etwas Schönes, Leichtes. Und Paulus sagt dann durch die Gnade tatsächlich etwas Leichtes: „niemand muss über das hinaus denken und wollen, was nötig ist, sondern darf Maß halten, jeder nach dem Maß an Glauben, das Gott ihm zugemessen hat.“ Also: Gott hat für jeden das Maß festgelegt. Darüber muss niemand hinausdenken, niemand hinauswollen. Das ist nicht nötig. Unsere Aufgabe ist begrenzt.

 

Wie Paulus das meint, zeigt er in der Beschreibung, die jetzt folgt. Wie ein Bild, eine Skizze, gemalt mit kräftigen Pinselstrichen, ohne zu sehr ins Detail zu gehen – die Skizze einer christlichen Gemeinde:  „Die Liebe ohne Heuchelei. Das Böse verabscheuen. Ans Gute sich heften. In der Bruderliebe freundlich. In Respekt einander den Vorrang lassen.“

 

Schauen wir uns ein paar dieser Pinselstriche an, damit wir Paulus richtig verstehen.

„Die Liebe ohne Heuchelei.“ Wie kommt Paulus überhaupt dazu, Liebe mit Heuchelei zu verbinden? Wahrscheinlich hat er das in den Gemeinden angetroffen. Die Christen haben ja gewusst, wie wichtig die Liebe ist. „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, hat Jesus gesagt. Und: „Das ist mein einziges Gebot, dass ihr euch unter einander liebt, wie ich euch liebe.“

„Wir müssen einander lieben!“ Das war den Christen klar. Nur war es nicht so einfach. Denn auf Befehl kann man nicht lieben. Liebe entsteht – manchmal. Sie wächst – vielleicht. Ist immer ein Geschenk. Lieben kann man nicht auf Kommando. Das wissen wir alle aus eigener Erfahrung.

 

Und deshalb wird, wo die Erwartung im Raum steht: „Wir müssen uns alle lieben“, immer auch geheuchelt. Je größer der Druck ist: „Ich muss alle anderen lieben“ umso größer wird die Heuchelei. Das ist in jeder christlichen Gemeinschaft so – und so war es anscheinend auch in den Gemeinden, die Paulus erlebt hat.

Und da hat Paulus nun geschrieben: „Ihr braucht nicht über das hinaus denken und wollen, was nötig ist!“  Wo keine Liebe ist, setz‘ dich nicht unter Druck. Du brauchst kein Theater zu spielen. Sei einfach echt. Sei Du! „Jeder nach dem Maß, das Gott ihm zugemessen hat.“

Paulus nimmt den Druck raus.

 

Und wahrscheinlich hat es Jesus auch schon so gemeint. Wenn er gesagt hat: „Mein einziges Gebot ist, dass ihr liebt!“ Damit wollte er bestimmt nicht sagen: „Jetzt habe ich die Gebote schon auf eins reduziert. Da werdet ihr es doch wenigstens fertig bringen, alle für einander in Liebe zu entbrennen.“

Das Gegenteil: „Ich will nur eines von euch: Wenn die Liebe in euch aufsteigt, irgendwann, lasst euch hineinfallen.“ Also: „Wehrt euch nicht gegen die Liebe, lasst euch mitnehmen von der Welle. Mehr will ich nicht von euch.“

Und wo keine Liebe ist, da ist eben keine. Auf keinen Fall Liebe vorspielen!

Denn menschliche Beziehungen sind ja nicht schwarz/ weiß. Es gibt nicht nur tiefe Liebe und blanken Hass. Das meiste liegt dazwischen. Und das hat auch Paulus in seiner Skizze der Christengemeinde. Die tiefe Liebe, die wie eine Welle kommt, nennt er Agape. Doch daneben stellt er die brüderliche Liebe, also Freundschaft: „In der Bruderliebe freundlich.“ Und wo auch Freundschaft nicht geht in der Gemeinde, da reicht der Respekt: „Im Respekt einander zuvorkommend.“

 

Ich vermute, diese Skizze, die Paulus da zeichnet, passt für uns alle. Keiner von uns liebt jeden in der Gemeinde innig. Es ist auch keiner mit allen befreundet. Und das ist auch nicht nötig. „Denkt und wollt nicht über das hinaus, was nötig ist“, schreibt Paulus ja. Aber alle können sich gegenseitig respektieren. Respektieren kann man sich sogar, wenn man sich über einander ärgert.

 

Ich kann jetzt nicht auf jeden Pinselstrich eingehen, mit dem Paulus die Christen skizziert. Aber noch eines: „Freuen mit den Fröhlichen, weinen mit den Weinenden.“ Auch hier entlastet Paulus.

Wenn ich mit jemandem zu tun habe, der traurig ist, fühle ich mich gedrängt, zu trösten. Heraus kommt nicht selten das Gegenteil: Ärger und Zorn. Der Traurige fühlt sich unverstanden und bevormundet.  

 

Ich glaube, bei den wirklich schlimmen Dingen können wir Menschen nicht trösten. Das kann nur Gott. Das einzige, was wir tun sollen ist deshalb: still dableiben, wenn jemand weint. Vielleicht bekommt dadurch ja Gott selber Raum zum Trösten. Nur weinen mit den Weinenden. Das genügt.

Genauso aber: Freuen mit den Fröhlichen. Freuen, wenn jemand etwas gelungen ist – und nicht neidisch sein, weil es nicht mein Erfolg war. Gott ist es, der mir zumisst, was für mich passt.

 

Am Ende schlägt Paulus noch einmal den Bogen zum Anfang. „Denkt und wollt dasselbe für einander: habt nicht die hohen Dinge im Sinn, sondern lasst euch von den niedrigen einnehmen.“  

In einfachen Worten: Bleibt auf dem Boden! Das reicht.

Kann es sein, dass es so leicht ist? Ja. Eigentlich wissen wir das auch, gerade als Evangelische. Dass wir vor Gott gerecht sind ohne des Gesetzes Werke. Dass Gott uns liebt ohne Bedingungen.

 

Doch wenn das nur Sätze sind? Die nicht bis ins Herz dringen – und vielleicht nicht einmal bis in den Verstand. Weil die Messlatte, die viel zu hohe, so massiv und überdeutlich vor uns hängt?

Dann sagt Paulus auf jeden Fall: Die Latte ist nicht von Gott. Er hat sie nicht aufgehängt. Gott will nicht, dass du da drüber springst.

Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist: niemand muss über das hinaus denken und wollen, was nötig ist, sondern darf Maß halten, jeder nach dem Maß an Glauben, das Gott ihm zugemessen hat.

Der Name den wir tragen

 

(Parrer Michael Rau, Neujahrsempfang 12.01.2019)
 

Ich habe einen Jesusfilm im Regal stehen, den ich manchmal mit Konfirmanden anschaue. Von diesem Film bin ich immer wieder beeindruckt. Oder eigentlich: ich bin von Jesus beeindruckt.
Jesus ist in diesem Film gar nicht besonders herausgehoben: sein Gewand ist nicht weißer als das der anderen Leute, seine Augen sind nicht leuchtender. Und wenn er ins Bild kommt, hört man keine Säuselmusik im Hintergrund. Trotzdem erkennt man Jesus sofort.

 

Woran?, habe ich mir überlegt. Ich denke, äußerlich gesehen sind es Kleinigkeiten: Er geht aufrecht. Wenn er sich bewegt, spürt man Sicherheit und Selbstbewusstsein. Er redet kurz und klar. Und was er tut – ob er spricht oder isst oder jemand heilt –, das tut er ganz.
Äußerlich gesehen sind das Kleinigkeiten, aber sie führen dazu, dass, wenn die Kamera über eine Menschenmenge schwenkt, der Blick sofort an diesem einen, an Jesus, hängen bleibt.So muss es auch in Wirklichkeit gewesen sein. Wo Jesus hingekommen ist, da haben Leute die Arbeit aus der Hand gelegt und die Familie zurückgelassen, und sind mit diesem faszinierenden Mann mitgegangen.

 

So war Jesus. Aber damit war er nicht die eine große Ausnahme in der Menschheitsgeschichte. Sondern wie Jesus war, das ist wie ein Samenkorn, das in die Erde gelegt wird, das wächst, und Frucht bringt: viele neue Samenkörner, die wieder in die Erde fallen, auch wachsen und noch mehr Frucht bringen.
Wie Jesus war, das breitet sich aus. Bis heute, bis zu uns.

Christen sind nämlich Leute, die Jesus Christus ähnlich werden. Haben Sie sich das schon mal klar gemacht: als Christen tragen wir den gleichen Nachnamen wie Jesus.
Wobei der Name „Christus“ mehr ist als unsere Familiennamen. Christus bedeutet etwas. Wörtlich: der Gesalbte. So wörtlich übersetzt sagt es uns allerdings nichts. Damit wir verstehen, könnte man sagen: „Der ganz in Gottes Nähe lebt“. „Gesalbt werden“ bedeutet nämlich im Alten Testament: in ganz enge Verbindung mit Gott kommen. Jesus Christus: Jesus, der ganz in Gottes Nähe lebt.

 

So haben die Leute, die von Jesus fasziniert waren, das Besondere an ihm gedeutet: Er lebt ganz in Gottes Nähe. Deshalb geht er so aufrecht. Deshalb redet er so klar. Deshalb ist er so ungeteilt da. Weil er Gott so nahe ist.


Dann kam die Kreuzigung, Ostern, Himmelfahrt. Und es kam etwas erstaunliches: Das Faszinierende ist geblieben, obwohl Jesus nicht mehr da war.
Denen, die von Jesus fasziniert waren, ist klar geworden: Da ist etwas auf uns übergegangen.
Man hat sie nämlich angesprochen: „Was ist los mit dir? Du bist anders.“ „Wie anders?“ „Schwer zu sagen. Irgendwie wirkst du – aufrecht. Du redest so klar. Du hörst einfach zu. Woher kommt das?“ „Weiß nicht. Vielleicht von Jesus Christus?“
So ist es gekommen, dass man die Leute, die sich durch Jesus Christus verändert haben, Christen genannt hat. Die jetzt auch ganz in Gottes Nähe gelebt haben.

Das ist natürlich lange her. Die Zahl der Christen ist gewachsen. Und mit der Zahl der Christen ist ihr Einfluss gewachsen. Der römische Kaiser Konstantin hat dann die Schlüsselpositionen in seinem Reich mit Christen besetzt. Und von da an hat etwas ganz anderes am Christentum anziehend gewirkt: Nicht mehr das Leben in Gottes Nähe. Sondern wenn man wichtig sein wollte, musste man Christ sein.
So war es lange.

 

Inzwischen sind die Zeiten vorbei. Gerade noch gut die Hälfte der Deutschen ist Kirchenmitglied.
Ich bin aber nicht traurig über die neuen Verhältnisse. Ich sehe die Chance.
Denn die Macht der Kirchen – ihr Einfluss auf den Staat, auf die Gesellschaft, auf die Menschen – das war mit Jesus nicht zu machen. Deshalb konnten die Kirchen Jesus jahrhundertelang nicht wirklich brauchen. Jedenfalls nicht den faszinierend lebendigen Jesus. Man hat Jesus ans Kreuz gehängt. Noch einmal – in den christlichen Kirchen.

In fast jeder Kirche sieht man ihn: geschlossene Augen, der Kopf zur Seite gesunken. Die Bildschnitzer haben ihre ganze Kunst aufgewendet, Jesus möglichst leblos darzustellen.
Als unterschwellige Botschaft vermitteln diese Bilder: Jesus hat sich verabschiedet. Das Sagen haben jetzt Pfarrer, Priester, Kirchenleute.

Das war auch attraktiv. Wer wichtig sein wollte, wer Einfluss haben wollte, war in der Kirche am rechten Platz.


Kürzlich kam in der Zeitung, wie viele Menschen hier im Ort aus den Kirchen ausgetreten sind im vergangenen Jahr.
Ich frage mich da: Wenn die Leute aus der Kirche austreten, von wem wenden sie sich eigentlich ab? Von Jesus?
Gerade als Pfarrer rede ich auch viel mit Leuten, die nur selten in den Gottesdienst kommen. Sie wollen ihre Kinder taufen lassen, heiraten, oder es ist jemand gestorben.

Und mein Eindruck ist, dass die distanzierteren Leute, wenn sie etwas von unseren Kirchen wollen, an alles Mögliche denken. Aber mit Jesus bringen sie unsere Kirchen nicht in Verbindung. Jedenfalls nicht mit dem faszinierenden, lebendigen Jesus.

Das tut mir weh.


Genau deshalb sehe ich im Machtverlust der Kirchen eine große Chance. Die Lehren der Kirchen und die Dogmen werden zerbröckeln, wenn keiner mehr dran glaubt. Doch da, wo bisher die Lehrgebäude gestanden haben, könnte der Raum weit und frei werden. Und einen ganz neuen Blick erlauben auf Jesus. Jesus Christus – der ganz in Gottes Nähe lebt.

Ja, wir Christen könnten Jesus ganz neu entdecken. Den faszinierenden, lebendigen Jesus. Dazu brauchen wir keinen großen und festen Glauben. Dazu müssen wir nur anfangen, ernst zu nehmen, was er sagt.

 

Wir haben es gehört:
Selig, die arm sind vor Gott – nicht die Glaubensstarken. Die arm sind vor Gott. Ihnen gehört das Himmelreich.
Selig die Sanftmütigen – nicht die Macher. Die Sanftmütigen. Sie werden das Land erben.
Selig die Barmherzigen – nicht die Rechthaber. Die Barmherzigen. Sie werden Erbarmen finden.
Selig, die Frieden stiften – nicht Interessen durchsetzen. Die Frieden stiften. Sie werden Kinder Gottes heißen.

 

Das ist Jesus. Er wollte nichts machen, damals. Keine Ziele erreichen. Keinen Einfluss ausüben. Nur Gott Raum geben.

Er musste nicht schwindeln, schummeln, Strippen ziehen für seine Interessen.
Deshalb war er so aufrecht. Deshalb konnte er so klar reden. Deshalb war er so ungeteilt bei den Menschen. Deshalb war er so anders. So faszinierend – ganz in Gottes Nähe. Weil er nichts für sich selber wollte. Nur Gott Raum geben.

Jesus lebt. Das Faszinierende ist mitten unter uns, breitet sich aus. Wir tragen seinen Namen: Christen – die ganz in Gottes Nähe leben. Wir müssen den Namen nur ernst nehmen – Gott ernst nehmen.
Indem wir Gott machen lassen.

 

Genau das aber fällt uns schwer. Vielleicht ist Gott ja zu langsam? Oder er tut das Falsche? Oder er tut gar nichts? Weil es ihn doch nicht gibt?
Im Ernstfall ist der Zweifel mächtig. Doch wie hat Jesus gesagt: Selig sind die glaubensstarken Superhelden? Nein, selig sind die Armen vor Gott. Die einfach zu viel Angst haben. Und in ihrer Angst lieber nach Strohhalmen greifen, als auf Gott zu vertrauen.

 

Als Armer kann ich aber ganz klein anfangen. Etwa, wenn mich jemand beschuldigt. Dann gehe ich nicht zum Angriff über. Ich höre erst einmal zu. Ich lasse den anderen ausreden. Ich muss nicht makellos dastehen. Aber ehrlich.
Ein bisschen vertrauen – probeweise, und dann mal schauen, was passiert – das traue ich mir zu. Und dann könnte es sein, dass der Same aufgeht. Und ich aufrechter gehe, klarer rede, zuhören kann. Und merke, wie gut sich das Leben in Gottes Nähe anfühlt.

 

Wir sind Christen. Wir tragen Jesu Namen. Lasst uns diesen Namen miteinander ernst nehmen.