Predigten

Mehr Predigten bei "Glaube unverbraucht".
 

Predigt zur Konfirmation am 18. Oktober 2020

 

Zur Freiheit hat euch Christus freigemacht,

darum stehet fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!

(Galater 5,1)

 

Pfarrerin Susanne Scharpf

 

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

 

nach vielen Wochen der Zwangspause, Corona geschuldet, aber auch meiner ganz persönlichen Lebenssituation, haben wir uns erst kurz vor der heutigen Konfirmation wiedergesehen. Ich war gespannt darauf, ob und wie ihr euch verändert habt. Dabei habe ich bemerkt, ihr seid tatsächlich größer und erwachsener geworden. Ihr habt euch seit unserer ersten Begegnung vor mehr als einem Jahr verändert.

 

Auch eure Eltern werden das immer mehr spüren: Es beginnt eine neue Zeit. Eine Zeit, in der ihr keine Kinder mehr seid, aber auch noch keine Erwachsenen, eine Zeit, in der ihr euch zunehmend auf den ganz eigenen Weg machen werdet, um herauszufinden, wer ihr seid und wie ihr leben möchtet.

Eure Eltern werden eure Bedürfnisse nach mehr Freiheit bemerken, und müssen ihrerseits herausfinden, wie sie damit umgehen wollen, welche Freiheiten sie euch zugestehen und welche Grenzen sie euch nach wie vor auch setzen möchten. Eine Abwägung, die manchmal gar nicht so einfach ist, ein Balanceakt, der auch viel Kraft kostet.

Den Eltern ist zu wünschen, dass sie das richtige Maß finden, euch auch weiterhin Geborgenheit, Orientierung und Halt zu geben, und euch zugleich Mut zu machen für den eigenen Weg.

 

Ihr, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, werdet dabei erfahren, wie gut es in jedem Falle ist, die Eltern immer noch im Hintergrund zu haben, weil sie euch nämlich - bei aller Abgrenzung – nach wie vor - die nötige Sicherheit geben, um angesichts so mancher Angst mutig aufzubrechen, um neue Erfahrungen zu machen und neuen Herausforderungen zu begegnen.  

Bindung macht uns Menschen frei. Das wissen auch wir Erwachsenen, die wir in einer Partnerschaft leben, oder die wir einfach Menschen um uns haben, die es gut mit uns meinen.

Auch im Glauben an Gott geht es ja um Bindung. Heute, am Tag eurer Konfirmation, bindet ihr, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, euch ganz bewusst an Gott, an den Weg mit ihm.

In der Taufe hat er „Ja“ zu euch gesagt. Nun sagt ihr eurerseits „Ja“ zu ihm. Aus diesem „Ja“ aber erwächst eure Freiheit. Denn für einen glaubenden Menschen gilt: Wer bejaht ist und angenommen, kann für sich einstehen und kann sich riskieren. Mit Gott im Rückhalt ist vieles möglich.

 

„Zur Freiheit befreit“ – so ist der heutige Konfirmationsgottesdienst überschrieben. Das Thema stammt eigentlich von dem Apostel Paulus, der in einem seiner Briefe formuliert hat: „Zur Freiheit hat euch Christus freigemacht“.

Es sind dies Worte, die Paulus einst an die christliche Gemeinde in Galatien gerichtet hat.

Die Galater waren eine bunt gemischte Schar.

Juden und Griechen, Sklaven und Freie, Männer und Frauen waren da beieinander. Menschen also ganz unterschiedlicher religiöser Prägung, sozialer Herkunft, verschiedenen Geschlechts.

Sie alle haben von Gottes großem „Ja“, das über ihrem Leben steht, gehört, ihm Glauben geschenkt und sich ihm anvertraut, aber dann sind ihnen doch so ihre Zweifel gekommen.

Konnte man sich auf dieses „Ja“ Gottes wirklich verlassen, war man – so wie man war - recht oder musste man sich nicht vielmehr anstrengen, allererst etwas aus sich machen?

Die Galater begannen Regeln aufzustellen, Ansprüche zu formulieren, an die man sich zu halten hatte, und sie begannen sich zu vergleichen.

Auch wir, liebe Gemeinde, leben bis heute in einer Welt der Gesetze und Regeln, in der es vor allem heißt: „Du musst.“

Gut in der Schule sein, gute Noten schreiben, eine Ausbildung machen, studieren, Erfolg haben im Beruf, viel Geld verdienen, schön sein, schlank sein und vieles mehr. „Du musst“.

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Und wenn wir ehrlich sind, sind wir selbst auch Leistungsmenschen, Menschen, die sich vor allem über ihre Leistung definieren. Ein richtiges Selbstwertgefühl stellt sich erst dann bei uns ein, wenn wir befriedigt auf etwas blicken können, was wir geschaffen und fertiggebracht haben.

Dabei ist es ja durchaus wichtig, Erfahrungen der Selbstwirksamkeit – wie man das heute nennt - zu machen, zu erleben, dass man etwas ausrichten und schaffen kann in seinem Leben. Gerade junge Leute brauchen diese Erfahrung, etwa bewirken zu können, dass wir Erwachsenen ihnen zuhören und sie ernstnehmen, dass sie das Gefühl bekommen, dass auch ihre Worte Gewicht haben und Berücksichtigung finden.

In diesen Tagen erleben wir ja junge Menschen, die eine Botschaft an uns richten und die gehört werden wollen mit dem, was sie umtreibt, nämlich Gottes Schöpfung und damit unser aller Lebensraum nicht länger aufs Spiel zu setzen, sondern zu bewahren.

Wichtige Anliegen, die uns Erwachsenen zum Nachdenken anregen und zum Handeln bringen wollen.

Ja, wir alle brauchen das Gefühl, etwas bewirken und ausrichten zu können in unserem Leben.

 

Aber wir spüren zugleich, wie schnell wir uns auch überfordern, ja, unser Lebensrecht, das Recht da zu sein, daran messen, ob und wie gut wir etwas meistern und hinbekommen. Und immer wird unser Tun von der Sorge und Angst begleitet, womöglich nicht zu genügen.

 

Als Martin Luthers Mitstreiter Philipp Melanchthon auf dem Augsburger Reichstag 1530 die evangelische Sache zu vertreten hatte und unter der Last der Verantwortung litt und vor Sorgen nicht mehr schlafen konnte und immer verzagter wurde – wir haben im Konfirmandenunterricht den Film gesehen – da hat ihm Martin Luther geschrieben: „Du musst nicht Gott sein, sondern nur ein Mensch. Tu was du kannst, aber lass für den Ausgang der Sache Gott sorgen.“

Du musst nicht Gott sein, sondern nur ein Mensch. Das ist die Freiheit, zu der uns Christus befreit hat.

Es ist eine Freiheit, die wir uns nicht selbst nehmen können, zu der wir tatsächlich befreit werden müssen. Heute soll sie uns aufs Neue zugesprochen werden:

Du bist bejaht. Du darfst Mensch sein, mit all dem, was Dich ausmacht, deinen wechselnden Tagesformen, deinen Stärken und Schwächen, deinen Erfolgen und auch deinem Scheitern, deinem Lachen und deinem Weinen, deiner Hoffnung und deiner Mutlosigkeit.

Du sollst und du kannst tun, was zu tun ist, was in deinem Vermögen liegt, und alles andere Gott überlassen. Die letzte Verantwortung trägt er. Die vorletzte Verantwortung du.

Ich glaube, das kann Eltern und uns Erwachsene entlasten, die wir Kinder ins Leben hineinzugleiten haben, dass wir für unsere Kinder nur eine vorletzte Verantwortung haben. Das kann uns von so manchem Druck entlasten, auch von dem Druck, den wir mitunter auf unsere Kinder ausüben.

 

Ich, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, durfte eine kurze Wegstrecke mit euch gehen. Ihr werdet in Zukunft vielen neuen Menschen begegnen, neue Erfahrungen machen, von denen ich glaube, dass mit ihnen und durch sie hindurch unser Gott in eurem Leben wirkt und euch begleitet. Ich habe das meine im Rahmen meiner Möglichkeiten getan und vertraue euch weiter unserem Gott an.

Ich wünsche mir, dass ihr sein großes Ja über eurem Leben immer wieder vernehmt und dass dies euch zu fröhlichen und selbstbewussten Menschen macht, zu solchen, die sich selbst annehmen können und anderen mit Respekt und Würde begegnen. Ich wünsche euch, dass ihr den Herausforderungen, vor denen auch ihr in eurem Leben stehen werdet -trotz so mancher Angst - mutig und zuversichtlich entgegengeht, dass ihr euch etwas zutraut, ohne euch zu überfordern, dass ihr Verantwortung übernehmt und zugleich darauf vertraut, dass die letzte Verantwortung für euer Leben, für euer Tun in Gottes Händen liegt.

Zur Freiheit hat euch Christus freigemacht. Das Geheimnis dieser Freiheit ist: Um sein Leben im Letzten sorglos zu sein. Der Sinn dieser Freiheit ist: die Liebe, die Liebe zum Nächsten und auch die Liebe zu sich selbst. Amen. 

 

Pfarrerin Susanne Scharpf