Predigten

Predigten von Pfarrer Rau bei "Glaube unverbraucht".
 

Predigt am Volkstrauertag 2020 in der Klosterkirche in Herbrechtingen

1. Mose 4, 1-16

Pfarrerin Susanne Scharpf

 

Liebe Gemeinde,

der heutige Volkstrauertag erinnert mich auch an meine Kindheit. Ich bin in einem kleinen Dorf auf der schwäbischen Alb aufgewachsen. Und ich habe diese tristen Novembertage noch deutlich vor Augen, wie ich als Kind unter den vielen Erwachsenen stand mit ihren dunklen Mänteln und traurigen Gesichtern.

In späteren Jahren – als Jugendliche und Studentin - habe ich den Bezug zum Volkstrauertag dann völlig verloren.

Das Leid der Menschen, die im Krieg ihre Angehörigen verloren haben oder ihre Heimat verlassen mussten, das Gedenken an die vielen Ermordeten in den Konzentrationslagern, das Innehalten und  Nachdenken über all diese brutale Gewalt und das sinnlose Sterben hat sich mir erst viel später wieder ganz neu erschlossen.

Als junge Vikarin in Ulm bin ich in den Altenheimen Frauen begegnet, die ihre Männer im Krieg verloren hatten. Manchmal war es auf den ersten Blick zu erkennen, wenn man ein Zimmer betrat: Das Hochzeitsbild an der Wand mit dem Mann in Soldatenuniform und dazu die Worte der Frau, dass ihre Ehe gerade einmal 10 Wochen gedauert habe.

Andere erzählten von den Nachkriegsjahren und wie sie die Kinder ganz allein großgezogen haben. Der Stolz auf ihre Selbstständigkeit waren ihnen noch abzuspüren, aber auch eine leise Wehmut, dass sie sich ihr Leben doch anders gewünscht und vorgestellt haben.

In späteren Jahren dann habe ich als Altenheimseelsorgerin so manchen Menschen beim Sterben begleitet. Und auch da wurden mitunter traumatische Kriegserlebnisse und Fluchterfahrungen wiederbelebt, wie eine Wunde, die nochmals aufbrach.

 

Manchmal frage ich mich: Wer wird den Jungen unter uns einmal von all dem erzählen, wenn diejenigen, die den Krieg erlebt haben oder zu den Überlebenden des Holocaust gehören, gestorben sind. Was, wenn die Zeitzeugen menschlicher Grausamkeit und Gewalt nicht mehr Zeugnis ablegen, nicht mehr hautnah Erlebtes aussprechen und zum Nachdenken bewegen können?

Der Sinn für das vereinte Europa – das spüren wir alle - nimmt ab, der Sinn für dieses wunderbare Geschenk, seit 75 Jahren in Frieden und Freiheit leben zu dürfen. Auch der Sinn für demokratische Entscheidungsprozesse nimmt ab, und eine neue Faszination für die starke Hand, die durchgreift und sich durchsetzt und alle Vielfalt und jedes Anderssein unterdrückt, scheint wieder aufzukeimen.

Mir ist eine Geschichte eingefallen, die zu den ersten 11 Kapiteln der Bibel gehört. Urgeschichte werden diese Kapitel genannt, weil sie von den Anfängen erzählen – von der Schöpfung, von Adam und Eva, von Kain und Abel, der Sintflut und dem Turmbau zu Babel. Aber nicht allein von den Anfängen erzählt die Urgeschichte, sondern vielmehr davon, wie es immer schon zugeht unter uns Menschen. Sie erzählt also urmenschliche Geschichten, auch die Geschichte vom ersten Brudermord, dass Menschen einander Gewalt antun von Anfang an, und es wiederholt sich unzählige Male – bis heute.

Ich lese aus dem 1. Mosebuch, Kapitel 4:

„Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des Herrn. Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.

Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem Herrn Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.

Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Und nun verflucht seist du auf der Erde…Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.

Kain aber sprach zu dem Herrn: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte. Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet. Aber der Herr sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der Herr machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände…

Der Herr segne sein Wort an uns allen! Amen.

 

Liebe Gemeinde,

eine vielschichtige Geschichte haben wir soeben gehört, keine, mit der man schnell zu Ende kommen und die man ganz leicht begreifen könnte. Aber so viel verstehen wir vielleicht doch:
 

Es ist eine Geschichte, die von unserer menschlichen Gefährdung weiß, die davon erzählt, wie nahe es uns liegt, unseren Nächsten, den Bruder zu verletzen, gar zu töten, seelisch und auch körperlich, mit Worten und auch mit roher Gewalt.

Die Bibel weiß um unser Menschsein in all seinen Facetten, auch mit seinen Möglichkeiten, das Böse zu tun.

 

Natürlich steht hinter der Geschichte von Kain und Abel zunächst die uralte Erfahrung, dass Hirten und Ackerbauern im Alten Israel sich wohl nicht immer vertragen haben. Und man kann es sich ja vorstellen:

Die einen, die Ackerbauern, hatten in harter Arbeit und Mühe das Land bestellt, und dann sind die Hirten mit ihren Herden gekommen und machten ihnen den Boden streitig, fielen über die frisch bestellten Felder her und zogen dann einfach weiter, und die Ackerbauern hatten das Nachsehen. Der Streit um Ackerboden und Weideland – darum ging es wohl zuerst.

Aber die Geschichte reicht tiefer. Es geht auch um die Erfahrung, dass der sichtbare äußere Segen unterschiedlich verteilt ist, und in Kain zunehmend das Gefühl wächst, benachteiligt zu sein, zu kurz zu kommen im Leben.

Kain, der Ackerbauer, - so stelle ich es mir vor - von morgens bis abends müht er sich ab, um kargen Boden zu bebauen, ist abhängig von Sonne und Regen, aber sein Ertrag ist nur gering.

Und dann muss er mitansehen, dass seinem Bruder Abel scheinbar alles ganz leicht von der Hand geht und spielend gelingt: Fette Herden und Wohlsein.

Neid kommt da in Kain auf, und auch das Gefühl, von Gott nicht gesehen zu werden, nicht angesehen zu sein. Nicht gesegnet. Warum ich?

Liebe Gemeinde,

man darf fragen, ob der Segen eines Lebens sich am Äußeren messen lassen muss, am Erfolg, am Reichtum, am Gelingen, oder ob es nicht auch noch einen ganz anderen Segen gibt. Den Segen aus der Tiefe, dass ein Leben gesegnet ist, auch wenn es vordergründig scheitert. So war es ja bei Jesus. Ein gesegnetes Leben, aber nicht augenscheinlich gesegnet, ein armer Wanderprediger ist er gewesen, und am Schluss stirbt er am Kreuz.

Ein Leben kann gesegnet sein, auch wenn ihm die äußere Fülle fehlt, und doch gibt es das ja bis heute, dass auch wir uns mit anderen vergleichen und dabei bemerken, dass Lebenschancen ganz unterschiedlich verteilt sind, nicht nur zwischen erster und dritter Welt, sondern mitten in Europa, mitten in unserem Land.

Und Menschen sich zu kurz gekommen glauben und vielleicht auch wirklich zu kurz kommen, weil ihre Startbedingungen schwierig sind, weil sie sich abgehängt fühlen, weil sie befürchten, nicht mehr mithalten zu können.

Auch Kain fühlt sich ja benachteiligt, zu kurz gekommen, weniger angesehen, er ist verletzt und gekränkt, und Wut keimt in ihm auf, die er dann auslässt an seinem Bruder.

 

Die Geschichte von Kain und Abel, liebe Gemeinde, ist die Geschichte der Erfahrung von Ungerechtigkeit, dass Lebenschancen und Lebensglück manchmal so ungleich verteilt sind.

Es ist aber auch die Geschichte, dass einer sich nicht mehr angesehen und gewürdigt fühlt, und er deshalb ein Feindbild braucht, um sich seines Selbstwertes zu vergewissern.

Ich muss den anderen niederringen, seelisch und körperlich verletzen, ihn fertig machen, um letztendlich über ihn zu triumphieren, um selbst wer zu sein.

Ich glaube, liebe Gemeinde, dass die Unversöhnlichkeit, die wir zwischen Menschen gerade in unseren Tagen erleben, der Hass, der so unüberwindlich erscheint, einem tiefen Gefühl der Minderwertigkeit entspringt. Ich bin nicht angesehen. Ich werde benachteiligt. Es gibt so viele andere, die es besser haben als ich. Dabei hätte ich es doch verdient.

In einem solchen Gefühl der Ablehnung und des Hasses aber kann man keine Verantwortung mehr übernehmen füreinander, kann man kein Hüter mehr sein.

Man könnte diese Frage „Wo ist dein Bruder?“, die an Kain gestellt wurde, natürlich auch an Abel stellen, dem Sonnenkind, dem Begünstigten und Angesehenen, warum er nicht Sorge trägt für den zu kurz kommenden Bruder.

Dass wir Fürsorge füreinander zu tragen haben, Ungerechtigkeiten beseitigen sollen, wo es möglich ist, eine Gesellschaft schaffen, in der die Schere zwischen Reich und Arm nicht immer weiter aufgeht, wo jeder seinen Platz findet und Ansehen und ein Auskommen, daran erinnert uns die Geschichte von Kain und Abel .

Und jeder einzelne von uns soll an sein Angesehensein, sein Ansehen erinnert werden:  Ich bin Gottes geliebtes Kind, gewürdigt, bejaht. Und deshalb ich kann aufhören, um mich zu schlagen, ich kann aufhören, andere herabzuwürdigen, zu erniedrigen und niederzuringen.

Eltern legen ihren Kindern viel in die Wiege, wenn es darum geht, dass Menschen sich angesehen und gewürdigt fühlen, so wie sie sind, aber es kommt auch auf unseren respektvollen Umgang miteinander an, mit dem wir einander spüren lassen, dass wir angesehen und gewürdigt sind.

Ein letzter Gedanke: Das Besondere an unserer Geschichte ist ja auch, dass Kain am Schluss ein Zeichen bekommt, das Kainsmal, das ihn schützen soll. Er, der zum Mörder geworden ist, darf weiterleben. Die Gewaltspirale wird von Gott her durchbrochen. Versöhnung soll möglich werden.

Davon leben wir ja alle, dass unserem Volk nach dem 2. Weltkrieg ein Neuanfang geschenkt wurde, weil Länder, die wir überfallen und deren Menschen wir getötet haben, uns die Hand gereicht haben, die Hand zur Versöhnung.

Und so lassen Sie uns auch darüber nachdenken, wo Versöhnung heute zwischen uns Menschen nottut und der Gewaltspirale ein Ende setzen kann. Amen.